Waller kippt die Risikobalance — und die Wall Street feiert zu einseitig

Fed-Gouverneur Waller priorisiert Arbeitsmarktrisiken und nährt Hoffnung auf Zinssenkung. Tech-Werte erholen sich, doch die Marktbreite bleibt schwach.

Die Kernpunkte:
  • Waller stellt Beschäftigung über Inflation
  • Nasdaq und Dow auf Rekordhoch
  • Novartis übernimmt Biotech-Firma Myricx
  • TKMS-Aktie steigt dank Kanada-Aussicht

Liebe Leserinnen und Leser,

ein einziger Satz von Christopher Waller hat am Montag mehr bewegt als die gesamte Handelswoche zuvor. Der Fed-Gouverneur stellte in Rom die Beschäftigungsrisiken über die Inflationssorgen und brachte damit eine Zinssenkung um 25 Basispunkte zurück ins Spiel. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Notenbank unter dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh gerade erst die Forward Guidance beendet und den Leitzins bei 3,50 bis 3,75 Prozent eingefroren hatte. Noch im Juni hielten neun von 18 FOMC-Teilnehmern mindestens eine Zinserhöhung für 2026 für nötig. Jetzt dreht sich der Wind — und die Frage ist, ob er trägt oder nur eine Böe war.

Wallers Kehrtwende: Der eigentliche Kurstreiber der Woche

Der Auslöser sitzt am Arbeitsmarkt, nicht in der Fed-Zentrale. Die Nonfarm Payrolls stiegen im Juni nur um 57.000 Stellen, erwartet waren 110.000 bis 117.000. Die Vormonate wurden zusätzlich deutlich nach unten revidiert, und obwohl die Arbeitslosenquote auf 4,2 Prozent sank, fiel die Partizipationsrate auf 61,5 Prozent — Menschen verlassen den Arbeitsmarkt, statt Jobs zu finden. Das ist der Unterschied zwischen einer soliden Konjunktur und einer, die sich leise erschöpft.

Der Markt hat sofort reagiert: Die Wahrscheinlichkeit einer Juli-Zinserhöhung fiel auf rund 24 Prozent, die zehnjährige US-Rendite gab auf 4,47 bis 4,48 Prozent nach. Für Wachstumswerte und Tech ist das Nährboden — fallende Renditen bedeuten niedrigere Diskontierungssätze, höhere Bewertungen. Aber hier lohnt Vorsicht: Die Kern-PCE-Prognose für 2026 wurde zeitgleich auf 3,3 Prozent angehoben, und Warsh gilt strukturell als geldpolitischer Falke. Wer jetzt auf sinkende Zinsen setzt, ohne die Inflationsseite mitzudenken, kauft nur die halbe Geschichte. Am Mittwoch kommen die FOMC-Protokolle — Wallers erste Sitzung unter Warsh. Das wird zeigen, ob seine Kehrtwende Mehrheitsmeinung ist oder Einzelmeinung bleibt.

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Steigende Kern-PCE-Prognosen bei gleichzeitig wackelndem Arbeitsmarkt zeigen, wie trügerisch die aktuelle Zinsdebatte ist — wer nur auf Waller hört, übersieht die Inflationsseite. Ein kostenloser Report erklärt, warum klassische Zinsanlagen in diesem Umfeld an Wert verlieren und wie Dividenden zur neuen Zinsquelle werden. Jetzt kostenlosen Report „Die Zinsillusion platzt“ sichern

Chip-Rebound treibt Rekorde — aber nur an der Spitze

Nach dem Halbleiter-Ausverkauf Ende Juni ist die Erholung heftig: Der Nasdaq Composite kletterte am Montag auf ein neues Rekordhoch, der Dow schloss erstmals über 53.000 Punkten. Getragen wird das von Speicher- und Chip-Aktien: AMD sprang zweistellig, Goldman Sachs erhöhte das Kursziel auf 640 Dollar. Qualcomm und Western Digital legten deutlich zu, ASML gewann 4 bis 5 Prozent, nachdem Bernstein das Kursziel auf 2.300 Dollar angehoben hatte. JPMorgan rät explizit, den „Chip-Dip“ zu kaufen — der KI-Halbleiterzyklus sei intakt. UBS geht sogar von einer DRAM-Knappheit bis 2028 aus.

Doch wer genauer hinschaut, sieht eine gespaltene Rally. Der Russell 2000 fiel unter die 3.000er-Marke und bleibt den Rekorden von Dow und Nasdaq meilenweit hinterher — Small Caps sind zinssensitiver und hinken 2026 bereits das ganze Jahr hinterher. Microsoft gab nach der Ankündigung von 4.800 Stellenstreichungen nach, 2,1 Prozent der Belegschaft. Meta verlor rund 5 Prozent nach Berichten über die Monetarisierung seiner KI-Kapazitäten. Bezeichnend: Morgan Stanley favorisiert im KI-Trade inzwischen Amazon und Meta statt der Chip-Hersteller selbst. Solange sich die Gewinne auf eine Handvoll Large Caps konzentrieren, ist jeder neue Rekord fragiler, als er aussieht — die Breite fehlt, und Breite ist normalerweise das, was eine Rally von einer Momentaufnahme unterscheidet.

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Dass Morgan Stanley im KI-Trade zunehmend auf Amazon und Meta statt auf die Chip-Hersteller setzt, ist ein deutliches Signal — die Rally konzentriert sich auf immer weniger Schultern. Ein kostenloser Sonderreport von Henrik Voigt zeigt, welche US-Sektoren abseits der Tech-Giganten jetzt das größte Nachholpotenzial haben. Jetzt Gratis-Report „US-Markt im Wandel“ herunterladen

Novartis kauft sich Onkologie-Innovation ein

Während an der Tech-Front die Bewertungen heißlaufen, zeigt der Pharmasektor, wie man defensiv wächst. Novartis übernimmt die britische Biotech-Firma Myricx Bio für bis zu 1,5 Milliarden Dollar — 1,1 Milliarden sofort, weitere 400 Millionen an Meilensteine gekoppelt. Der Deal zielt auf eine neue Generation von Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten auf Basis von NMTi-Inhibitoren, die Resistenzmechanismen bei soliden Tumoren überwinden sollen. Myricx bringt zwei Kandidaten gegen die Zielstrukturen B7-H3 und HER2 mit, der Abschluss wird für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet. Die Novartis-Aktie gab im Premarket leicht nach — die Investoren zahlen den Preis, bevor sie das Ergebnis sehen.

Der Deal steht nicht allein. Incyte hat die Übernahme von Vega Therapeutics abgeschlossen (1,25 Milliarden Dollar sofort, bis zu 750 Millionen an Meilensteinen) und sichert sich damit den Phase-3-Antikörper VGA039 gegen die von-Willebrand-Krankheit. Seit Jahresbeginn summieren sich die Biotech-M&A-Deals auf rund 94 Milliarden Dollar. Für europäische Anleger ist das ein Gegenpol zur Tech-Konzentration: strukturelles Wachstum, geringere Zinssensitivität, und niemand redet über Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 40 und mehr.

TKMS: Kanada zündet die nächste Rüstungsphantasie

Die deutschen Rüstungswerte haben am Montag kräftig zugelegt, allen voran TKMS mit einem Sprung von über 13 Prozent auf 93,30 Euro — rund 22 Prozent Zuwachs in drei Tagen. Auslöser ist die Aussicht, dass Kanada TKMS als bevorzugten U-Boot-Lieferanten benennt. Aus deutschen Regierungskreisen und über die Zeitung „The Globe and Mail“ hieß es, das Auftragsvolumen könnte über Jahrzehnte bis zu 100 Milliarden Euro erreichen. Eine Entscheidung wird am Rande des Nato-Gipfels in Ankara erwartet. Auch Rheinmetall (rund 1.130 Euro) und Renk legten zu, zusätzlichen Schub gab die Übernahme von Exail Technologies durch Thales.

Die Zahl 100 Milliarden klingt gewaltig, verdient aber Einordnung: Das ist ein Volumen über Jahrzehnte, kein Auftragseingang, der morgen verbucht wird. Der Nato-Gipfel liefert den Katalysator für die Kursfantasie — aber der Sektor bleibt geopolitisch getrieben und damit anfällig für Rücksetzer, sobald eine offizielle Bestätigung ausbleibt oder sich verzögert.

Öl zurück auf Vorkriegsniveau — die Lager bleiben das Risiko

Der Ölmarkt hat sich normalisiert: Brent notiert um 72 Dollar, WTI knapp unter 69 Dollar — zurück auf dem Niveau vor dem Iran-Krieg, nachdem die Sorte im April über 126 Dollar gesprungen war. Saudi-Arabien senkte die offiziellen Verkaufspreise, OPEC+ hebt die Förderziele ab August erneut an, und die Exporte durch die Straße von Hormuz erholen sich weiter. Der sinkende Ölpreis dämpft den Inflationsdruck spürbar — ein Grund, warum der US-Dienstleistungssektor trotz nachlassender Dynamik stabil bleibt, der ISM-Index steht bei 54,0.

Die Stimmung zieht mit: Der Sentix-Index der Eurozone sprang im Juli auf minus 3,1 von zuvor minus 13,4 — der stärkste Monatssprung des Jahres. Die Bank of Israel senkte den Leitzins um 25 Basispunkte auf 3,50 Prozent und verwies dabei explizit auf die durch die Waffenruhe fallenden Energiepreise. Doch die IEA warnt: Über eine Milliarde Barrel wurden seit Kriegsbeginn aus den globalen Reserven entnommen, die Wiederauffüllung kostet mehr als 70 Milliarden Dollar und dauert Jahre. Fallende Energiekosten entlasten Industrie und Verbraucher gleichermaßen — der deutsche Auftragseingang stieg im Mai überraschend um 1,9 Prozent. Aber die geleerten Lager sind der wunde Punkt: Jede neue Störung träfe auf deutlich dünnere Puffer als noch vor einem Jahr.

Was das für Ihr Depot bedeutet

Diese Woche entscheidet sich an zwei Terminen: den FOMC-Protokollen am Mittwoch und dem Start der US-Berichtssaison mit Delta und PepsiCo. Die Messlatte ist hoch — Analysten erwarten für die S&P-500-Unternehmen ein Gewinnplus von über 24 Prozent. Wallers taubenhafter Ton stützt die Märkte kurzfristig, aber die Kombination aus schwachem Arbeitsmarkt und gleichzeitig angehobener Inflationsprognose ist kein Widerspruch, den man wegdiskutieren kann. Es ist das Risiko, das die Rally trägt.

Für deutsche Anleger lohnt sich deshalb der Blick über den Tech-Tellerrand: Pharma bietet strukturelles Wachstum ohne Zinsabhängigkeit, Rüstung liefert geopolitische Fantasie mit Zeithorizont über Jahrzehnte, und die Entlastung durch den Ölpreis wirkt bereits messbar in deutschen Auftragsbüchern. Wo die Breite an der Wall Street fehlt, muss sie im eigenen Depot herkommen.

Herzlichst, Ihr

Felix Baarz

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