Warsh trotzt Trump, doch die eigentliche Story liegt in den Auftragsbüchern
Höhere US-Zinsen stärken substanzstarke Unternehmen mit vollen Orderbüchern, während DroneShield trotz Marktpotenzial deutlich an Wert verliert.

- Fed erhöht Leitzins auf 3,75 bis 4,00 Prozent
- Siemens Energy meldet 162 Milliarden Euro Auftragsbestand
- DroneShield verliert 42 Prozent im Jahresverlauf
- BlackRock kauft Ether für 1,57 Milliarden Dollar
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
eine Notenbank, die sich gegen den eigenen Präsidenten stellt: Das gab es in dieser Schärfe lange nicht. Doch für Ihr Depot ist das politische Drama die Nebensache. Die Fed hat unter ihrem neuen Chef Kevin Warsh erstmals seit drei Jahren die Zinsen erhöht, und die Konsequenz ist simpel: Kapital wird teurer, und Unternehmen mit echten, bezahlten Auftragsbüchern gewinnen gegenüber Wachstumsversprechen auf Kredit an Boden. Der DAX gab am „großen Verfallstag“ der abgelaufenen Woche deutlich nach, von 25.716,71 auf 25.296,44 Punkte, belastet von steigenden Renditen und überraschend kräftig gestiegenen deutschen Erzeugerpreisen im August. Wer aber genauer hinschaut, findet in Energie-Infrastruktur und Drohnenabwehr die eigentlichen Gewinner dieser neuen Zinswelt.
Die Fed hat geliefert, und die Märkte haben zweimal reagiert. Am Mittwoch hob das FOMC den Leitzins einstimmig um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent an. 16 von 18 Notenbankern erwarten für 2026 noch eine weitere Erhöhung, die Median-Prognose für das Jahresende liegt bei 4,1 Prozent. Warsh begründete den Schritt mit einer Inflation von zuletzt 3,7 Prozent (PCE-Index) und einer Kernrate von 3,4 Prozent, deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel. Trump reagierte prompt und forderte einen Leitzins von „1 Prozent oder weniger“ – ein offener Bruch mit der Notenbank. Die erste Marktreaktion war hawkish-negativ: Der Dow verlor 1,21 Prozent, die Zehnjahresrendite kletterte über 5 Prozent, und US-Banken wie JPMorgan, KeyCorp und BNY zogen ihren Prime Lending Rate umgehend auf 7 Prozent hoch. Der 30-jährige Hypothekenzins liegt nun bei 7,19 Prozent. Am Donnerstag drehte die Stimmung, S&P 500 und Nasdaq legten kräftig zu – doch der Grundton bleibt: „Higher for longer“ ist das neue Leitmotiv. Der Terminmarkt (CME FedWatch) preist eine Wahrscheinlichkeit von rund 55 Prozent für eine weitere Erhöhung im Oktober ein. Für Depots heißt das konkret: Zinssensitive Wachstumsstorys verlieren an Attraktivität, Substanzwerte mit prallen Auftragsbüchern gewinnen relativ.
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Siemens Energy zeigt, wie diese Substanz aussieht. Die Aktie schloss die Woche bei 140,68 Euro – rund ein Viertel unter dem Rekordhoch von 195,38 Euro aus dem April, aber immer noch 17 Prozent im Plus seit Jahresbeginn. Der Grund für die relative Robustheit liegt im operativen Geschäft: Im dritten Quartal 2026 kamen Aufträge von 17,9 Milliarden Euro herein, der Umsatz wuchs um 18,5 Prozent auf 11,4 Milliarden Euro, der Auftragsbestand türmt sich auf 162 Milliarden Euro. In der abgelaufenen Woche kam ein weiterer Baustein hinzu: Der Netzbetreiber 50Hertz vergab einen 2,5-Milliarden-Euro-Auftrag für zwei Offshore-Konverterplattformen an das Rostocker Joint Venture NSORe aus Neptun Werft und Smulders – Siemens Energy liefert dafür die Hochspannungstechnik. Das Projekt North Sea Connector 2 soll bis Ende 2034 ans Netz gehen und in Rostock bis zu 1.000 neue Jobs schaffen. Zusätzlichen Rückenwind liefert der US-Konkurrent GE Vernova, dessen Management einen Anstieg des Auftragsbestands von 176 auf 200 Milliarden Dollar bis Anfang 2027 in Aussicht stellt – ein Signal für den gesamten Sektor. Bemerkenswert für die Bewertung: Siemens Energy notiert mit einem KGV 2026 von 31,3 (PEG 0,8) deutlich günstiger als GE Vernova mit einem KGV von 61 (PEG 1,69). Kursziele von JPMorgan (200 Euro-plus) und anderen Häusern (bis 245 Euro) unterstreichen, dass der Markt hier noch Potenzial sieht, selbst nach dem Rücksetzer vom Hoch.
DroneShield zeigt, wie schwer sich eine gute Story vom Kurs entkoppeln kann. Der globale Markt für Drohnenabwehr wächst strukturell: von 2,13 Milliarden Dollar im Jahr 2020 auf prognostizierte 16,76 Milliarden Dollar bis 2030, während der gesamte Militär-Drohnenmarkt sich von 14,14 auf 47,16 Milliarden Dollar bis 2032 mehr als verdreifachen soll – gestützt auch durch ein US-Gesetz mit 33 Milliarden Dollar für Drohnen und KI. Trotzdem schloss die DroneShield-Aktie die Woche bei 1,05 Euro, ein Minus von 3,7 Prozent zum Vortag und 42 Prozent im laufenden Jahr, weit entfernt vom 52-Wochen-Hoch von 3,79 Euro. Ab dem 2. November übernimmt mit Rebecca Lowde eine neue Finanzchefin, die Carla Balanco ablöst – ein Wechsel, den Analysten als Chance werten, das Unternehmen bewertungsseitig neu zu justieren. Die Auftragspipeline wird mit 2,3 Milliarden australischen Dollar beziffert, die Wachstumsprognose bis 2029 liegt bei jährlich 21,7 Prozent. Wer an das strukturelle Thema Drohnenabwehr glaubt, muss die Kursvolatilität mit einplanen – ein Nachkaufkandidat ist DroneShield nur für Anleger mit langem Atem.
Energiewende und Hightech-Verteidigung gehören zu den Megatrends, die sich gerade in Auftragsbüchern wie jenen von Siemens Energy oder im Drohnenabwehr-Markt niederschlagen – doch längst nicht jeder profitiert gleich stark davon. Ein Spezial-Report von Top-Analyst Mike Rückert stellt fünf Aktien aus Energie, Gesundheit und Hightech vor, die von genau solchen Trends besonders profitieren könnten. Zum Spezial-Report von Mike Rückert
Beim Ölpreis beruhigten sich die Notierungen im Wochenverlauf wieder, nachdem Trump versöhnliche Töne zu möglichen Iran-Gesprächen anschlug – Brent rutschte unter die 105-Dollar-Marke. Für den österreichischen Öl- und Gaskonzern OMV, der die Woche bei 71,40 Euro beendete und damit nur knapp unter seinem am 14. September markierten 52-Wochen-Hoch von 73,00 Euro notiert, bedeutet das: Der Kurs hat die geopolitische Prämie bereits eingepreist, während ein eigenes Wasserstoffprojekt mit Kosten von 600 Millionen Euro als strukturelle Wachstumsstory daneben steht.
Bei Ethereum klafft die Schere zwischen institutionellem und privatem Geld immer weiter auf. Der Senat ließ den Clarity Act – das zentrale Krypto-Regulierungsgesetz – mit 49 zu 50 Stimmen scheitern. Privatanleger kehrten Ether-ETFs in den Tagen danach den Rücken: Abflüsse von 141,4 Millionen Dollar am Dienstag, 224,1 Millionen Dollar am Mittwoch. Während dieses Geld floh, kaufte BlackRock in den vergangenen 20 Tagen für 1,57 Milliarden Dollar Ether über seine Fonds zu. Der iShares Ethereum Trust und der neue iShares Staking Ethereum Trust bringen es zusammen auf einen Bestand von 3,56 Millionen ETH im Wert von rund 8,69 Milliarden Dollar. Diese Divergenz ist ungewöhnlich und spricht dafür, dass große Adressen auf eine spätere Lösung über SEC und CFTC statt über den Kongress setzen – ein Revote zum Clarity Act gilt vor der Senatspause ab dem 2. Oktober als unwahrscheinlich. Für BlackRock-Aktionäre, deren Papier die Woche bei 1.050,48 Dollar beendete, ist das Ether-Engagement mittlerweile ein Faktor, den man im Blick behalten sollte, auch wenn er im Konzernumsatz noch klein ist.
Der globale Kompass
Die Fed hat die Richtung vorgegeben, aber nicht das letzte Wort gesprochen. Die nächste Gelegenheit für einen weiteren Zinsschritt bietet sich im Oktober, und der Terminmarkt hält ihn für wahrscheinlicher als nicht. Der Kongress pausiert derweil in der Kryptoregulierung, was die Divergenz zwischen institutionellem und privatem Ethereum-Geld vorerst zementiert. Wer sein Depot auf diese Gemengelage ausrichten will, tut gut daran, Substanz vor Story zu stellen: Ein Auftragsbestand von 162 Milliarden Euro bei Siemens Energy wiegt in einer Welt mit 7-Prozent-Hypothekenzinsen schwerer als jedes Wachstumsversprechen, das erst noch Kapital braucht, um wahr zu werden.
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