Warum die Analysten CoreWeave lieben und der Anleihemarkt nicht
CoreWeaves hohe Schulden und negative Cashflows stehen im Kontrast zu optimistischen Kurszielen; Schneider Electric hebt seine Prognose an.

- CoreWeave refinanziert sich zu 15 bis 16 Prozent
- Analysten nennen Kursziele bis 200 Dollar
- Tencent vereinbart Chip-Leasing mit Oracle
- Schneider Electric hebt Jahresprognose an
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
der KI-Boom wird in dieser Woche nicht an der Aktienbörse geprüft, sondern am Anleihemarkt. CoreWeave, der größte unabhängige Vermieter von KI-Rechenleistung, muss sich inzwischen zu Renditen von 15 bis 16 Prozent refinanzieren.
Gleichzeitig bezahlen Konzerne wie Tencent Rechenkapazität aus der eigenen Kasse, und Schneider Electric hebt die Prognose an. Die Trennlinie verläuft damit nicht mehr zwischen KI und Nicht-KI, sondern zwischen Firmen, die den Ausbau aus dem Cashflow finanzieren, und solchen, die ihn auf Kredit bauen.
CoreWeave: Die Gläubiger rechnen, die Analysten hoffen
CoreWeave sitzt auf rund 50 Milliarden Dollar Schulden, und der Markt preist das jetzt ein. Die 2032er-Anleihe notierte am Mittwoch bei rund 78 Cent je Dollar, die Rendite der 2031er-Anleihe liegt über 16 Prozent.
Kreditausfallversicherungen auf CoreWeave stiegen laut Bloomberg auf ein Rekordhoch von knapp 1.200 Basispunkten. Das entspricht einer impliziten Ausfallwahrscheinlichkeit von über 60 Prozent binnen fünf Jahren.
Der Nettozinsaufwand lag im zweiten Quartal 2026 bereits bei 640 Millionen Dollar, mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Für 2026 plant CoreWeave Investitionen von 31 bis 35 Milliarden Dollar, bei einem negativen freien Cashflow von zuletzt gut 13 Milliarden Dollar nach Finanzierungskosten.
Die Aktie folgt den Anleihen, nicht den Kurszielen. CoreWeave notiert um 55 Euro, am Freitag rund 11 Prozent schwächer und nur knapp über dem Jahrestief von Ende Juli. Auf Zwölfmonatssicht hat sich der Kurs mehr als halbiert.
Nebius, ein direkter Wettbewerber, lag am Freitag im Handelsverlauf gut 9 Prozent im Minus. Nvidia hält rund 10 Prozent an CoreWeave und blieb am Freitag praktisch unverändert. Nvidia-Chef Jensen Huang sagte, CoreWeave brauche keine Rückendeckung, die Kapitalkosten würden sinken.
Die Aktienanalysten stellen sich demonstrativ gegen den Anleihemarkt. Cantor Fitzgerald bekräftigt „Overweight“ mit Kursziel 176 Dollar, Evercore ISI sieht 150 Dollar, Northland 200 Dollar. Die Kapazität für 2027 sei fast ausverkauft, Nvidia garantiere die Abnahme unverkaufter Kapazitäten.
Wer recht hat, lässt sich an zwei Zahlen ablesen. Laut Bloomberg verkauften die Mitgründer seit dem Börsengang im März 2025 Aktien für 3,3 Milliarden Dollar, davon 2,4 Milliarden allein 2026. Und Goldman Sachs misst bei Hochzinsanleihen mit KI-Bezug einen Rekordaufschlag von 360 Basispunkten über US-Staatsanleihen, während sich Anleihen ohne KI-Bezug kaum bewegten.
Die Botschaft an Anleger lautet: Wer die KI-Nachfrage spielen will, braucht Firmen, die sie bezahlen können, nicht solche, die sie vorfinanzieren müssen. Die Kreditmärkte unterscheiden das inzwischen härter als die Aktienmärkte.
Tencent und Varonis: Zwei Deals zeigen, wo das Geld wirklich fließt
Die Gegenprobe zu CoreWeave liefert ausgerechnet ein Kunde. Tencent hat mit Oracle ein Leasing über 100.000 KI-Chips für 7 Milliarden Dollar über fünf Jahre vereinbart. Das ist die handelbare Gegenprobe zur CoreWeave-Debatte: Ein chinesischer Internetkonzern mit tiefen Taschen kauft Rechenleistung, ohne die Bilanz mit eigenen Rechenzentren zu belasten.
Oracle trägt dafür das Finanzierungsrisiko und verlor am Freitag gut 2,9 Prozent. Für deutsche Anleger ist Tencent über Hongkong und ADRs liquide handelbar, und der Deal belegt, dass China-Tech trotz Exportstreit an westliche KI-Kapazität kommt.
Der zweite Deal läuft über Private Equity. Thoma Bravos Proofpoint übernimmt den Datensicherheitsspezialisten Varonis für 6,3 Milliarden Dollar in bar, die Varonis-Aktie legt gut 2,8 Prozent zu. Finanzinvestoren kaufen also weiterhin Software mit wiederkehrenden Umsätzen, nicht Infrastruktur auf Kredit.
Dazu passt, dass Anthropic-Investoren laut Reuters über eine niedrigere Bewertung für den geplanten Börsengang nachdenken. Selbst die prominentesten Namen der Branche werden also billiger, bevor sie überhaupt an die Börse kommen.
Warsh schweigt, die Fonds stimmen ab: Defensive schlagen Tech
Die Notenbank liefert keine Orientierung, die Daten dafür umso deutlicher. Fed-Chef Kevin Warsh hat in Bangkok kein Signal für die Sitzung am 27. und 28. Oktober gegeben.
US-Verbraucherpreise stiegen im September um 3,7 Prozent, die Erzeugerpreise um 6,3 Prozent, der stärkste Monatsanstieg seit März 2022. Der Markt sieht dennoch zu 85 Prozent eine Zinspause im Oktober und zu knapp 90 Prozent eine Erhöhung im Dezember.
Die Bank of America stellt sich dagegen und erwartet den Zinsschritt bereits am 28. Oktober. Stratege Michael Hartnett rät für drei bis vier Wochen zu Vorsicht und nennt vier Gründe: Realrenditen bei 3 Prozent, Ölpreise, KI-Schulden und die US-Kongresswahlen.
Die Kapitalströme bestätigen die Drehung. US-Aktienfonds zogen in der Woche bis Mittwoch 13 Milliarden Dollar an, Tech-Fonds verloren dabei 5,2 Milliarden Dollar, so viel wie seit Juni nicht. Grundstoffe, Energie und Gesundheitswerte führten am Freitag, der Healthcare-Sektor notiert nahe seinem Allzeithoch.
Aufschlussreicher ist, was nicht funktioniert. Gold liegt trotz der Inflationsdaten seit Jahresbeginn im Minus, Bitcoin notiert um 81.000 Dollar und steht auf Zwölfmonatssicht 25 Prozent tiefer. Die klassischen Inflationsversicherungen schützen in diesem Zyklus nicht, der Schutz kommt aus Sektoren mit Preissetzungsmacht und laufendem Cashflow.
Verbio: Hochstufung auf Buy, Kursziel 42 Euro
Der stärkste deutsche Nebenwert des Tages kommt aus dem Tank. Verbio war am Freitag mit einem Plus von 16,6 Prozent auf 29,84 Euro der stärkste Wert im SDAX. Jefferies stuft den Biokraftstoffhersteller auf „Buy“ und hebt das Kursziel auf 42 Euro.
Der Hintergrund ist der Ölmarkt: Brent hält sich über 105 Dollar, vor Kriegsbeginn Ende Februar waren es rund 72 Dollar. Die IEA gibt vorzeitig die restlichen 100 Millionen Barrel ihrer Notfallreserven frei, US-Diesel kostet im Einzelhandel 6,33 Dollar je Gallone.
Zugleich meldete Präsident Trump eine Vereinbarung mit Putin über zunächst 300.000 Tonnen russischen Diesel. Für Anleger mit Energie-Exposure heißt das: Die Knappheit bei Kraftstoffen hält an, und alternative Anbieter wie Verbio bekommen Bewertungsspielraum, den Analysten erst jetzt einpreisen.
Während sich die Knappheit bei Kraftstoffen über den Ölmarkt zeigt, bahnt sich beim Gas ein ähnliches Muster an. Im Live-Webinar „Gas-Notstand 2026“ geht Jörg Mahnert am Sonntag, den 18.10.2026 um 18:00 Uhr der Frage nach, warum Deutschlands Gasspeicher das 80-Prozent-Ziel verfehlen und welche Rolle die Lage rund um die Straße von Hormus dabei spielt. Er zieht Parallelen zu den Energiekrisen von 1973 und 2022, als der gesamte Energiesektor zu den zehn stärksten Werten im S&P 500 zählte, und stellt drei konkrete Nutznießer einer möglichen Gas-Knappheit vor: einen norwegischen Pipeline-Betreiber, einen LNG-Anbieter und einen US-Ölförderer. Dazu erläutert er einen 3-Stufen-Filter, mit dem sich Energiewerte auf ihre Krisenfestigkeit prüfen lassen. Die Teilnahme ist kostenlos. Jetzt zum Webinar „Gas-Notstand 2026“ anmelden
Nächste Woche muss die Berichtssaison KI-Umsatz beweisen
Ab Montag wird abgerechnet. In der kommenden Woche berichten Tesla, Netflix, Intel, SAP und Nestlé. Tesla hat den Roadster vorgestellt, die Produktion ist aber erst für 2028 geplant. Die Tesla-Aktie notiert um 319 Euro und liegt seit Jahresbeginn 19 Prozent im Minus. Netflix gab am Freitag nach der Ernennung von Peter Rice zum Programmchef gut 2 Prozent ab.
Wie der KI-Ausbau ohne Kreditrisiko aussieht, zeigt Schneider Electric. Der Konzern hebt nach dem dritten Quartal die Prognose für Umsatz und operatives Ergebnis an, getragen von Rechenzentren. LSEG erwartet für den S&P 500 ein Gewinnwachstum von rund 30 Prozent im dritten Quartal, für Tech allein knapp 58 Prozent. Die Latte liegt hoch, und nach der CoreWeave-Woche verlangen Anleger erstmals Belege, dass KI-Investitionen Umsatz erzeugen.
Der globale Kompass
Die CoreWeave-Woche hat das Kriterium für die kommenden Quartalszahlen gesetzt: Nicht die Höhe der KI-Investitionen zählt, sondern wer sie aus eigener Kraft bezahlt. Die Zinsentscheidung am 28. Oktober wird daran wenig ändern, denn mit Erzeugerpreisen von 6,3 Prozent bleibt eine Dezember-Erhöhung das Basisszenario. Wer sein Depot über das Wochenende prüft, schaut auf Verschuldungsgrad und Cashflow, nicht auf das KI-Etikett.
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