Wie viel Ölschock verkraftet Europa? Die Einkaufsmanager antworten am Freitag

Die für Freitag erwarteten Einkaufsmanagerindizes zeigen, wie Industrie und Dienstleister im Euroraum auf hohe Ölpreise und Zinsen reagieren.

Die Kernpunkte:
  • Deutsche Industrie: Konsens bei 54 Punkten
  • Euroraum-Dienstleister: Prognose von 52,8 Punkten
  • EZB-Zinsschritt auf 2,75 Prozent erwartet
  • Lufthansa plant vollständige TAP-Übernahme

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

in der Straße von Hormus ist nach Angaben der iranischen Revolutionsgarden ein Supertanker auf eine Seemine aufgefahren. Der Tanker hatte laut iranischen Medien mehr als zwei Millionen Barrel Rohöl geladen; die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig prüfen. Wie viel von diesem Ölschock verkraftet Europas Wirtschaft?

Die Antwort liefern am Freitagvormittag die Einkaufsmanagerindizes für Deutschland und den Euroraum. Für mich ist der Freitag deshalb der Termin der kommenden Woche, der mehr zählt als jede einzelne Quartalszahl, weil er zeigt, ob Öl nahe 110 Dollar und eine straffere EZB bereits in Aufträgen und Preisen angekommen sind.

Einkaufsmanagerindex: Was am Freitag ansteht

Am Freitag, 23. Oktober, um 9:30 Uhr kommt der Einkaufsmanagerindex für die deutsche Industrie, um 10:00 Uhr folgt der Index für die Dienstleister im Euroraum. Volkswirte erwarten im Schnitt 54 Punkte für die deutsche Industrie nach 53,9 im Vormonat.

Für die Dienstleister im Euroraum liegt der Konsens bei 52,8 nach 53. Beide Werte lägen damit weiter über der 50er-Marke, oberhalb derer der Index Wachstum anzeigt. Entscheidend ist weniger die Richtung als die Belastbarkeit: Die Einkaufsmanager zeigen, wie Europa die Zinsanhebungen und einen Ölpreis von fast 110 Dollar verkraftet.

Die EZB hat ihren Leitzins in den vergangenen vier Monaten zweimal angehoben. Für Dezember wird eine weitere Erhöhung auf 2,75 Prozent erwartet, ein Niveau, das die Notenbank selbst als restriktiv einstuft.

Christine Lagarde hat am Samstag in Bangkok vor einer stärkeren Bremswirkung der gestiegenen Anleiherenditen gewarnt. Damit bekommen zwei Reden in der Wochenmitte Gewicht: Bundesbankpräsident Nagel spricht am Mittwoch um 9:15 Uhr, Lagarde um 18:00 Uhr. Dazu kommen am Dienstag um 8:00 Uhr die deutschen Erzeugerpreise, für die Volkswirte 5,3 Prozent nach 4,6 Prozent im Vormonat erwarten.

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Ölpreis und Zinsen: Warum zuerst die Stimmung leidet

Wenn der Ölpreis hoch bleibt, steigen die Einkaufspreise der Industrie, und die Einkaufsmanager melden höhere Kosten, bevor diese in den Verbraucherpreisen ankommen. Hebt eine Notenbank in einen Energieschock hinein die Zinsen an, verteuert sie die Finanzierung genau dann, wenn die Margen ohnehin unter Druck stehen. Beides zusammen drückt zuerst die Stimmung der Unternehmen und erst später die harten Zahlen.

Das Wochenende hat den Schock nicht kleiner gemacht. Die britische Schifffahrtsbehörde UKMTO meldete zwei Angriffe auf Tanker vor der saudischen Küste, Hunderte Kilometer von Hormus entfernt.

Irans Außenminister Abbas Araqchi erklärte am Sonntag, das Angebot, die Meerenge binnen sieben Tagen zu öffnen, liege weiter auf dem Tisch. Teherans Bedingungen bleiben unverändert: die Aufhebung der US-Blockade seiner Häfen, das Ende der Sanktionen gegen seine Ölexporte und ein Ende der Kämpfe in der Region. Brent schloss die Woche knapp unter 110 Dollar.

Wie andere Notenbanken reagieren, ist ein Maßstab auch für Frankfurt. Kanadas Notenbankchef Tiff Macklem kündigte am Samstag an, die Inflationsprognose wegen der hohen Ölpreise deutlich anzuheben. Die Märkte preisen Reuters zufolge für das kommende Jahr Zinserhöhungen von 100 Basispunkten in Kanada ein.

Krishna Srinivasan, Asien-Direktor des IWF, sagte Reuters, die Bank of Japan müsse schneller straffen, falls die Inflation die Prognose übertrifft. Wer hofft, der Ölschock beschere Anlegern bald Zinssenkungen, sollte diese Signale lesen: Die Notenbanken behandeln Öl als Inflationsrisiko, nicht als Wachstumsrisiko.

Lufthansa, Autobauer, DAX: Wo der Ölpreis in der Rechnung steht

Der DAX hat sich in der vergangenen Woche gegen Zinsängste und KI-Bedenken gestemmt und komfortabel oberhalb von 25.000 Punkten geschlossen. Die Werte, bei denen der Ölpreis direkt in der Rechnung steht, berichten in der kommenden Woche selbst. Wird Kerosin teurer, schrumpfen bei Fluggesellschaften die Margen, weil sich der Treibstoff nicht sofort über Ticketpreise weitergeben lässt.

United Airlines legt am Dienstag um 22:05 Uhr Zahlen vor, Southwest Airlines am Mittwoch um 22:00 Uhr. Beide Termine liegen nach dem Handelsschluss in Frankfurt, Lufthansa kann also erst am Folgetag reagieren.

Lufthansa hat am Wochenende die eigene Rechnung vergrößert: Der Konzern will die portugiesische TAP komplett übernehmen, nicht mehr nur als Minderheitsinvestor einsteigen. Im Bieterwettstreit setzte sich Lufthansa gegen Air France-KLM durch, während Eurowings sparen muss.

Die Autobauer liefern den zweiten Prüfstein. General Motors berichtet am Dienstag um 12:30 Uhr. Am Donnerstag um 6:00 Uhr kommen die Neuzulassungen in der EU, für die Volkswirte ein Plus von 10,1 Prozent nach 4,5 Prozent erwarten.

Nach den Signalen aus Berlin und Paris für ein Hilfspaket, das Bundesfinanzminister Lars Klingbeil auf den „Schlussmetern“ sieht, entscheidet damit die Nachfrage über die Autowerte, nicht die Politik.

Um 16:00 Uhr folgt das EU-Verbrauchervertrauen, Konsens minus 16 nach minus 16,5. Wer die Gewinnerseite des Ölpreises sehen will, findet sie bei Halliburton am Dienstag um 12:45 Uhr und bei Valero am Donnerstag um 12:00 Uhr.

Die Risiken sind ungleich verteilt: Die Zinsangst trifft hoch bewertete Wachstumswerte, deren künftige Gewinne stärker abgezinst werden, während Airlines und Autobauer das Öl über die Kosten spüren. Der DAX hat beides bisher weggesteckt, und der Freitag zeigt, ob das hält.

China, IBM, Meta: Drei Termine mit Kursrisiko

Montag, 4:00 Uhr: China meldet das BIP für das dritte Quartal und die Einzelhandelsumsätze für September. Peking hat am Freitag zugleich Exportkontrollen für 40 Schlüsseltechnologien aus KI, Photovoltaik und Biomedizin vorgeschlagen, 14 davon mit Exportverbot; Stellungnahmen sind bis 15. November möglich. Citi-Banker Simon Yuen sagte in Bangkok, drehe der KI-Zyklus in den USA, treffe das auch die Hongkonger Börsengänge der KI-Lieferkette.

Mittwoch, 22:00 Uhr: IBM und Texas Instruments legen Zahlen vor, Tesla um 22:05 Uhr. Garrett Melson von Natixis nennt die Stimmung „ein wenig nervös“, weil unklar sei, wo die KI gerade stehe. Die Chipwerte müssen in ihren Zahlen zeigen, dass die Nachfrage die Finanzierungssorgen überdauert.

Meta: Reuters zufolge berichtet Meta in der kommenden Woche. Die Bank of America bestätigt das Kaufvotum mit Kursziel 810 Dollar, rund zehn Prozent über dem Kurs von 736,72 Dollar, auf den sich die Bank bezieht. Ein Vergleich mit US-Bundesstaaten über zehn Milliarden Dollar drückt den Gewinn, nicht das Votum.

SoftBank und Allied Universal: Was das Wochenende sonst brachte

SoftBank verhandelt dem Wall Street Journal zufolge über die Übernahme des US-Sicherheitsdienstleisters Allied Universal; die Bewertung könnte ohne Schulden 18 Milliarden Dollar erreichen, die Gespräche sind früh und ohne Garantie.

Masayoshi Son will laut Bloomberg Wachpersonal langfristig durch Roboter ersetzen. Microsoft hat sich laut Reuters aus einem Rechenzentrumsdeal mit dem britischen Cloudanbieter Nscale zurückgezogen, einem Nvidia-gestützten CoreWeave-Konkurrenten mit US-Börsengangsantrag.

Donald Trump hat die im Sanktionspaket gegen Russland vorgesehenen Zölle per Dekret vom Freitag kurz vor Inkrafttreten ausgesetzt. Bitcoin lag am Samstagabend bei gut 81.000 Dollar, seit Freitag praktisch unverändert.

Der globale Kompass

Die Antwort fällt am Freitag um 9:30 Uhr. Zinsen und Öl wirken mit Verzögerung, deshalb sagt der Einkaufsmanagerindex für mich mehr über den DAX oberhalb von 25.000 Punkten aus als jede einzelne Bilanz. Achten Sie in der kommenden Woche weniger auf die Richtung der Indizes als darauf, ob die Unternehmen in Preisen und Aufträgen vom Öl berichten. Starten Sie mit klarem Kopf in eine Woche, die am Golf beginnt.

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