Wo das Geld hingeht, wenn Europa wackelt
Medtronic und Broadcom ziehen Kapital an, während Europas Exporteure unter Zöllen und Energiepreisen leiden. Die Rotation hin zu US-Werten mit Preissetzungsmacht ist im Gange.

- Medtronic mit stärkstem Wachstum seit zehn Jahren
- Broadcom vor entscheidendem KI-Stresstest
- GitLab zeigt KI-Monetarisierung in der Anwendungsschicht
- Europas Exporteure unter doppeltem Druck
Liebe Leserinnen und Leser,
der DAX rutschte am Mittwoch unter 25.000 Punkte. SAP verlor 4,3 Prozent, Nemetschek 5,2 Prozent, Atoss 4,7 Prozent. Wer nur auf Frankfurt schaut, sieht den Schaden. Wer nach New York blickt, sieht etwas anderes: eine geordnete Umschichtung von Kapital — weg von europäischen Zyklikern, hin zu US-Unternehmen mit Preissetzungsmacht, Cashflow und einem Geschäftsmodell, das von Zöllen weniger getroffen wird als von ihnen profitiert. Die Frage ist nicht mehr, ob diese Rotation stattfindet. Die Frage ist, ob sie gerade erst beginnt.
Medtronic liefert das beste Jahr seit einer Dekade
Medtronic hat am Mittwoch Quartalszahlen vorgelegt, die in diesem Umfeld besonders hervorstechen. Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 stieg der Umsatz um 9,9 Prozent auf 9,8 Milliarden Dollar, organisch waren es 6,6 Prozent. Das bereinigte EPS lag bei 1,55 Dollar. Für das Gesamtjahr ergibt das ein Umsatzplus von 8,4 Prozent auf 36,4 Milliarden Dollar — das stärkste Wachstum seit zehn Jahren.
Der Treiber hat einen Namen: Herzablation. Die Sparte legte global um 78 Prozent zu, in den USA um 124 Prozent. Annualisiert spielt sie inzwischen über 2 Milliarden Dollar ein. Die Aktie reagierte mit einem Sprung von mehr als 5 Prozent auf rund 77,89 Dollar. Die Dividende wurde zum 49. Mal in Folge erhöht — auf 0,72 Dollar je Aktie.
Für das laufende Geschäftsjahr 2027 stellt das Management ein organisches Umsatzwachstum von 6,75 bis 7,25 Prozent in Aussicht und ein bereinigtes EPS von 5,90 bis 6,00 Dollar. Bereits eingepreist: 250 Millionen Dollar Zollbelastung. Der Analystenkonsens steht auf „Outperform“, das durchschnittliche Kursziel bei 105,76 Dollar. Stetiges Wachstum, Preissetzungsmacht, ein wachsender Dividenden-Track-Record — in einem von Geopolitik dominierten Markt ist das genau die Art von Aktie, die Kapital anzieht.
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Broadcom: Der KI-Stresstest des Quartals
Am Mittwochabend nach US-Börsenschluss legt Broadcom Zahlen zum zweiten Quartal vor. Kaum ein Ergebnis wird diese Woche stärker bewegen. Die Aktie schloss am Dienstag bei einem Rekord von 481,57 Dollar; im Jahresverlauf liegt sie rund 40 Prozent im Plus, auf Dreijahressicht über 470 Prozent.
Die Erwartungen sind entsprechend: 22,1 Milliarden Dollar Umsatz (plus 47 Prozent), ein bereinigtes EPS von 2,40 Dollar (plus 52 Prozent). Der KI-Halbleiterumsatz soll laut CEO Hock Tan bei 10,7 Milliarden Dollar landen — doppelt so viel wie im Vorjahr. HSBC hat das Kursziel von 450 auf 600 Dollar angehoben und sieht die ASIC-Umsätze für 2027 bei rund 100 Milliarden Dollar, 26 Prozent über Konsens. Dahinter stehen Langzeitverträge mit Google für TPU-Chips bis 2031, eine ausgeweitete Meta-Partnerschaft, Anthropic als Neukunde ab dem zweiten Halbjahr und OpenAI ab Geschäftsjahr 2027. Broadcom hat sich bereits 480.000 Wafer CoWoS-Verpackungskapazität für 2027 gesichert.
Die Optionsmärkte preisen eine Bewegung von rund 9 Prozent nach den Zahlen ein. Bei einem KGV von rund 77 ist viel Zuversicht im Kurs. Ein verfehlter KI-Ausblick würde nicht nur Broadcom treffen, sondern den gesamten Sektor in Mitleidenschaft ziehen. Wer investiert ist, sollte die Positionsgröße bewusst gewählt haben.
GitLab zeigt, wo KI tatsächlich Geld verdient
Während alle auf die Chip-Hersteller starren, hat GitLab am Dienstagabend Zahlen geliefert, die einen anderen Teil der KI-Wertschöpfung belegen: die Anwendungsschicht. Der Umsatz im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 stieg um 23 Prozent auf 264 Millionen Dollar. Der bereinigte freie Cashflow lag bei 147 Millionen — eine Marge von 56 Prozent. Die Zahl der Großkunden mit über 100.000 Dollar Jahresumsatz wuchs um 18 Prozent auf 1.519. Die neue „Duo Agent Plattform“ brachte mehr Neugeschäft als die beiden Vorgängerprodukte zusammen.
GitLab hob die Jahresumsatzprognose auf bis zu 1,118 Milliarden Dollar an. Gleichzeitig fallen rund 350 Stellen weg, 14 Prozent der Belegschaft. Die Profitabilität soll im dritten Quartal ihren Tiefpunkt erreichen. Die Botschaft dahinter: SaaS-Unternehmen mit echter KI-Monetarisierung und Cashflow-Disziplin sind ein brauchbares Gegengewicht zu den hochbewerteten Hardware-Namen im Portfolio.
Europas doppelte Belastung — und warum sie nicht vorübergeht
Zwei Faktoren drücken gleichzeitig auf den Kontinent. Erstens: Die Kampfhandlungen zwischen den USA und dem Iran verschärfen sich erneut. Solange die Straße von Hormus eingeschränkt bleibt und Brent Richtung 100 Dollar tendiert, leiden Europas energieintensive Exporteure überproportional.
Zweitens: Das Büro des US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer hat angekündigt, Importe aus 60 Handelspartnern mit mindestens 10 Prozent Zoll zu belegen. Die EU, Großbritannien, Kanada, Mexiko und Taiwan stehen auf der 10-Prozent-Liste; die Schweiz, Japan, China, Südkorea und Brasilien bei 12,5 Prozent. Begründung: unzureichendes Vorgehen gegen Zwangsarbeit in Lieferketten. Die EU-Kommission weist den Vorwurf zurück und verweist auf ihre Ende 2024 verabschiedete Zwangsarbeits-Verordnung. Die Handelspartner haben rund einen Monat zur Stellungnahme.
Dass diese Schwäche keine Tagesreaktion ist, zeigt der Sachverständigenrat in seinem Frühjahrsgutachten: Die BIP-Prognose für Deutschland 2026 wurde um 0,4 Prozentpunkte auf nur noch 0,5 Prozent gesenkt, die Inflation soll bei 3,0 Prozent verharren. Zollpolitik, Energiepreisschock und strukturelle Wachstumsschwäche treffen gleichzeitig. Europäische Software mag attraktiv bewertet sein — aber bis Klarheit über die Zollfront herrscht, fehlt der Kaufgrund.
Broadcom, GitLab, KI-Plattformen — der KI-Boom konzentriert sich auf weit mehr Unternehmen als nur die bekannten Chip-Giganten. Welche 10 Big-Data-Aktien das größte Investmentpotenzial besitzen, zeigt der kostenlose Megatrend-KI-Report von finanztrends.de — mit fundierten Einblicken in die gesamte KI-Wertschöpfungskette. Jetzt den kostenlosen KI-Report herunterladen
Indonesien wird für Institutionelle investierbar
Abseits der großen Schlagzeilen: S&P Global Ratings hat am Mittwoch der Danantara Investment Management ein „BBB“-Rating mit stabilem Ausblick verliehen. Der indonesische Staatsfonds — angekündigtes verwaltetes Vermögen über 900 Milliarden Dollar, jährliche Dividenden der Staatsunternehmen von 5 bis 6 Milliarden Dollar — wird damit für institutionelle Investoren formal investitionsfähig. Für deutsche Privatanleger kein direktes Investment, aber ein Signal: Indonesien positioniert sich als Alternative zu China, mit konkreten Projekten wie HDF Energys 2,3-Milliarden-Euro-Wasserstoff-Pipeline und mehreren großen Nickel-Investments. Wer Emerging-Markets-ETFs hält, sollte den Indonesien-Anteil beobachten.
Was jetzt zählt
Die OECD hat am Mittwoch ihre Rechnung aufgemacht: Bei einem schnellen Ende des Iran-Konflikts bleibt das globale Wachstum bei 2,8 Prozent. Bei anhaltender Störung fällt es auf 2,1 Prozent — mit Rezessionsrisiken. Die Broadcom-Zahlen am späten Abend werden zeigen, ob die KI-These den nächsten Stresstest besteht. Danach folgen Einkaufsmanagerindizes aus den USA, Deutschland und der Eurozone, am Freitag der US-Arbeitsmarktbericht.
In diesem Umfeld funktioniert eine einfache Sortierung: Unternehmen mit Preissetzungsmacht, Cashflow und geringer Zoll-Exposition — Medtronic, profitable SaaS-Namen — ziehen Kapital an. Europäische Exporteure und zyklische Werte verlieren es. Das ist keine Prognose. Das ist das, was die Kapitalströme bereits zeigen.
Herzlichst, Ihr
Felix Baarz
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