XPeng Aktie: G9L-Fertigung startet auch in Graz

XPeng setzt auf internationale Verkäufe, CO₂-Zertifikate und Zukunftsprojekte; Produktions- und Auslieferungsziele bleiben teilweise geplant.

Die Kernpunkte:
  • Aktienkurs nahe dem 52-Wochen-Tief
  • Zertifikatserlöse von über 500 Millionen Renminbi erwartet
  • Auslieferungen außerhalb Chinas stiegen um 81 Prozent
  • Flugauto-Massenproduktion für 2026 angepeilt

An der Börse herrscht derzeit tiefe Skepsis gegenüber chinesischen Elektroautoherstellern, und XPeng bildet dabei keine Ausnahme. Am gestrigen Dienstag sackte der Kurs um 4,6 Prozent auf 8,35 Euro ab und notiert damit nur noch hauchdünne 0,4 Prozent über seinem 52-Wochen-Tief. Wer allein auf das Börsenparkett blickt, sieht ein Unternehmen in der Defensive.

Für mich greift dieser Blickwinkel jedoch deutlich zu kurz. Denn während der Markt den harten Preiskampf in China einpreist, forciert das Management eine bemerkenswerte Flucht nach vorn: mit Fertigungskapazitäten in Europa, soliden Sondererträgen und kühnen Technologieprojekten.

Pragmatische Erlöse und europäische Fertigung

Die größte Schwachstelle vieler reiner Elektroautobauer ist der Margendruck im Heimatmarkt. XPeng beweist hier jedoch zunehmend operatives Geschick abseits des reinen Blechverkaufs: Das Unternehmen hat Vereinbarungen über CO₂-Zertifikate mit internationalen Herstellern wie Porsche geschlossen.

Für das laufende Jahr 2026 stellt das Management Zertifikatserlöse von mehr als 500 Millionen Renminbi in Aussicht. Das verschafft willkommene Liquiditätspolster in einer kapitalintensiven Phase.

Gleichzeitig verlagert XPeng seinen Schwerpunkt schrittweise ins Ausland. Im zweiten Quartal kletterten die Auslieferungen außerhalb Chinas im Jahresvergleich um 81 Prozent auf über 20.000 Einheiten; im gesamten ersten Halbjahr steuerte das internationale Geschäft bereits über ein Viertel des Konzernumsatzes bei.

Besonders bemerkenswert ist die Strategie für das neue Flaggschiff-SUV G9L, das am 12. Oktober auf dem Pariser Autosalon für 64 weltweite Märkte vorgestellt werden soll: Das Modell, das sowohl als reines Elektroauto als auch mit Reichweitenverlängerer antritt, soll nicht nur im chinesischen Guangzhou vom Band laufen, sondern auch im Magna-Werk im österreichischen Graz. Die lokale Fertigung in Europa federt handelspolitische Barrieren wirksam ab und stärkt das Vertrauen westlicher Käuferschichten.

Gewagte Technologieoffensive jenseits der Straße

Gleichwohl begnügt sich Konzernchef He Xiaopeng nicht mit herkömmlichen Automobilsegmenten. XPeng investiert spürbar in Zukunftsfelder, die konservative Anleger eher abschrecken, risikobereiten Investoren jedoch Fantasie bieten dürften.

Die Flugauto-Sparte Aridge peilt für ihr modulares System „Land Aircraft Carrier“ noch in der zweiten Jahreshälfte 2026 die Massenproduktion und erste Kundenauslieferungen an. Die Produktionsstätte in Guangzhou steht bereits, ausgelegt auf eine Anfangskapazität von 5.000 Einheiten pro Jahr.

Mit weltweit über 7.000 Vorbestellungen existiert für das rund 280.000 bis 300.000 US-Dollar teure Flugsystem offenbar reale Nachfrage.

Dazu kommt der Einstieg in die Robotik: Laut Unternehmensangaben läuft bereits die erste vollautomatisierte Linie für humanoide Allzweckroboter. Natürlich bergen diese parallelen Technologiepfade ein erhebliches Risiko der Verzettelung. Wenn ein Automobilhersteller zeitgleich Fluggeräte, Roboter und KI-gestützte Großraum-SUVs entwickelt, steigen die Forschungs- und Entwicklungsausgaben schnell in gefährliche Höhen.

Mutige Transformation mit Bewertungsabschlag

Unterm Strich klaffen die operative Realität und die Bewertung an den Finanzmärkten derzeit weit auseinander. Die Anleger strafen XPeng für das volatile makroökonomische Umfeld in China und die Sorgen um die weltweite Nachfrage nach Elektrofahrzeugen schonungslos ab.

Doch die operative Stoßrichtung stimmt: Die Erschließung globaler Absatzmärkte mit europäischer Produktion und die Monetarisierung von CO₂-Gutschriften bilden eine tragfähige Basis, um die Durststrecke zu überbrücken.

Ob die futuristischen Wetten auf Flugtaxis und humanoide Roboter schon ab 2026 nachhaltige Gewinne abwerfen, darf man mit Fug und Recht bezweifeln. Als Alleinstellungsmerkmal gegenüber rein austauschbaren Volumenherstellern verschaffen sie der Marke jedoch wertvolle technologische Strahlkraft.

Für mich spricht vieles dafür, dass der Markt das Renditepotenzial dieser Transformation derzeit schlicht unterschätzt. Die Risiken bleiben angesichts der ambitionierten Zeitpläne hoch, doch auf dem aktuellen Bewertungsniveau überwiegen nach meiner Einschätzung die langfristigen Chancen.

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