Zinsschritt bezahlt, Staatsfinanzen offen: Der Euro vor der IWF-Woche

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

für den Euro zählt diese Woche mehr als die EZB-Zinserhöhung im Dezember. Der Grund liegt weniger in der Inflation als in den Staatsfinanzen. Den Ton setzte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, der der Bundesregierung am Sonntag zu langsame Reformen vorwarf.

In der Bild am Sonntag sagte er, die Koalition von Kanzler Friedrich Merz habe die Probleme richtig erkannt, handle aber weder schnell noch entschlossen genug.

Seine Kritik trifft auf eine Woche, in der der Internationale Währungsfonds seinen Weltwirtschaftsausblick vorlegt und EZB-Präsidentin Lagarde sowie EZB-Ratsmitglied Nagel sprechen. Die Zinserhöhung für Dezember hat der Markt dagegen längst eingepreist.

IWF, Lagarde, Nagel: Der Fahrplan der Woche

Die entscheidenden Signale für den Euro kommen in dieser Woche aus Washington, nicht aus Frankfurt. Der IWF veröffentlicht am Dienstag um 04:00 Uhr seinen Weltwirtschaftsausblick, um 05:15 Uhr folgt der Globale Finanzstabilitätsbericht.

Am Mittwoch um 04:00 Uhr legt der Fonds den Fiscal Monitor vor, seinen Bericht über die Staatshaushalte. Am selben Tag um 04:10 Uhr spricht Lagarde. Am Freitag um 04:30 Uhr gibt EZB-Ratsmitglied Nagel gemeinsam mit Bundesfinanzminister Klingbeil eine Pressekonferenz bei der Jahrestagung von IWF und Weltbank.

Über die EZB hat der Markt sein Urteil bereits gefällt. Nach Einschätzung von Citi ist eine Zinserhöhung im Dezember nahezu vollständig eingepreist, dazu fast zwei weitere Schritte im Jahr 2027. Doch Citi sieht die EZB ihren Blick von der Inflation auf die Finanzierungsbedingungen verlagern.

Das Verhältnis zwischen den Zinserwartungen und dem Renditeabstand französischer zu deutschen Staatsanleihen habe sich umgekehrt. Der Markt werte die Geldpolitik also zunehmend als zu restriktiv. Citi hält deshalb eine Zinspause nach Dezember für möglich, bei ausgeweitetem Finanzstress in der Eurozone auch früher.

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Zwischen weiteren Zinsschritten, möglicher Zinspause und wackelnden Staatsanleihen fragen sich viele Sparer, was klassische Zinsanlagen real überhaupt noch abwerfen. Ein kostenloser Report zeigt, wie Dividenden zur neuen Ertragsquelle werden können und wie sich ein Depot im Umfeld von Inflation, Zinsanstieg und Anleihekrise neu ausrichten lässt – Strategien für Zins und Inflation abrufen.

Den haushaltspolitischen Hintergrund liefert das Wochenende gleich mit. Die irische EU-Ratspräsidentschaft hat vorgeschlagen, den langfristigen EU-Haushalt für 2028 bis 2034 um rund 159 Milliarden Euro auf 1,826 Billionen Euro zu kürzen. Gespart würde vor allem bei Wettbewerbsfähigkeit, Forschung und Verteidigung, geschont blieben Agrar- und Kohäsionspolitik.

Rückenwind aus der Konjunktur ist nicht zu erwarten. Am Dienstag um 08:00 Uhr folgen die endgültigen deutschen Verbraucherpreise für September, am Freitag um 11:00 Uhr die der Eurozone.

Für die Industrieproduktion der Eurozone am Donnerstag um 11:00 Uhr erwarten Volkswirte im Schnitt ein Plus von 0,1 Prozent zum Vormonat, nach minus 0,1 Prozent zuvor. Nach dem zweiten Rückgang der deutschen Ausfuhren in Folge im August wäre das kaum mehr als Stillstand.

Euro und Fed: Wie Risikoaufschläge die Währung bewegen

Der Weg von den Staatsfinanzen zum Wechselkurs ist kürzer, als viele Anleger annehmen. Wenn eine Notenbank weiter strafft, während die Staatsfinanzen eines großen Mitgliedslands wackeln, steigen die Risikoaufschläge, weil Anleger für das Halten dieser Anleihen entschädigt werden wollen.

Wenn der Markt daraufhin weniger Zinsschritte erwartet als bei der anderen großen Notenbank, verliert die Währung ihren Rückenwind, weil Kapital der höheren Verzinsung folgt.

Genau diese Neubewertung sieht Citi kommen, mit Spielraum von 50 bis 75 Basispunkten im Verhältnis zur Fed. Die Bank warnt, der Euro könne schwächer werden, sollten Sorgen um Frankreichs Staatsfinanzen die Risikoprämie auf Vermögenswerte der Eurozone erhöhen.

Die Fed selbst hat den Leitzins am 16. September auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben, die erste Erhöhung seit Juli 2023. Für Anleger heißt das: Ein schwächerer Euro hilft Exporteuren beim Preis, verteuert aber Importe und damit die Inflation, die die Notenbank bremsen will.

Deutsche Bank und DAX: Wo die Reformfrage ankommt

Die Debatte um das Reformtempo in Berlin ist keine abstrakte. Deutsche-Bank-Chef Sewing fordert konkret mehr Flexibilität im Arbeitsrecht. Er schlägt vor, die Gehaltsschwelle für bestimmte Kündigungsschutzregeln von derzeit 180.000 Euro zu senken. Politische Kompromisse drohten die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu untergraben, sagte er.

Für den DAX hängt die Antwort an zwei Linien. Charttechniker sehen erst einen Tagesschluss über dem 20-Tage-Durchschnitt bei 25.381 Punkten als nachhaltige Aufhellung. Ein Rutsch unter den 200-Tage-Durchschnitt bei 24.849 Punkten drohe dagegen Abwärtsdruck bis 24.600 Punkte auszulösen. Die Tendenz für die Woche sehen sie seitwärts bis minimal aufwärts, belastet vom Exportrückgang, gestützt von der Haltezone am 200-Tage-Schnitt.

Für mich zählt diese Woche deshalb mehr als der Dezember-Termin: Der Zinsschritt ist bezahlt, die Frage, ob Reformtempo und Staatsfinanzen eine weitere Straffung tragen, ist es nicht – und genau darüber reden IWF, Lagarde, Nagel und Klingbeil.

US-Banken, US-Inflation, BlackRock: Drei Termine jenseits des Atlantiks

Auch in den USA geht es in dieser Woche um die Frage, wie viel Zins die Wirtschaft verträgt. Banken am Dienstag: JPMorgan um 12:45 Uhr, Wells Fargo um 13:00 Uhr, Goldman Sachs um 13:25 Uhr, Citigroup um 14:00 Uhr.

Die Gewinne der S&P-500-Unternehmen sollen laut LSEG IBES im dritten Quartal um mehr als 30 Prozent gestiegen sein. Die Banken müssen zeigen, dass ihre Erträge das höhere Zinsniveau tragen.

US-Verbraucherpreise am Mittwoch um 14:30 Uhr: Volkswirte erwarten für die Kernrate im Schnitt 0,2 Prozent zum Vormonat nach 0,3 Prozent, am Donnerstag um 14:30 Uhr folgen die Erzeugerpreise mit 0,5 Prozent nach 0,4 Prozent.

David Clewell von T. Rowe Price hält einen Anstieg der zehnjährigen US-Rendite auf 5,5 bis sechs Prozent für gut begründet. Standard Chartered sieht dagegen für Anleger mit sechs bis zwölf Monaten Horizont ein verbessertes Chance-Risiko-Verhältnis.

BlackRock am Mittwoch um 12:00 Uhr: Der Vermögensverwalter hat bislang keinen Antrag für einen XRP-ETF eingereicht, während sieben US-Spot-XRP-ETFs von Anbietern wie Bitwise und Grayscale zuletzt rund 1,77 Milliarden Dollar verwalteten. BlackRock nennt die Kundennachfrage als wichtigstes Kriterium für neue Kryptoprodukte; Bitcoin bewegte sich seit Freitag kaum und lag am Samstagabend knapp unter 83.000 Dollar.

Brent, Nvidia, Microsoft: Was das Wochenende nachliefert

Der Ölmarkt bekommt neuen Zündstoff. Ein Angriff auf den Flughafen von Riad tötete am Samstag zwölf Menschen, die saudisch geführte Koalition macht die vom Iran unterstützten Huthi verantwortlich. Trump erwägt nun erneute Schläge gegen den Iran, obwohl er solche vor den Zwischenwahlen am 3. November ausgeschlossen hatte.

In der Straße von Hormus traf ein unbekanntes Geschoss erneut einen Tanker. Parallel hat das US-Finanzministerium Sanktionen gegen russischen Diesel bis zum 7. April 2027 ausgesetzt, Moskau gibt zunächst 500.000 Tonnen für den Export frei. Brent schloss am Freitag bei gut 104 Dollar; Charttechniker sehen bei BP ein Kaufsignal reifen.

Im KI-Sektor dreht sich das Wochenende um Geld und Kontrolle. Nvidia verhandelt laut Financial Times über eine Übernahme des Start-ups Reflection AI oder eine Aufstockung der bisher zugesagten 800 Millionen Dollar. Microsoft-Chef Satya Nadella forderte am Samstag auf X eine von Menschen kontrollierte Notbremse für fortgeschrittene KI-Systeme.

Der globale Kompass

Ob die Zinspause nach Dezember kommt, entscheidet nicht die Inflation, sondern ob die Märkte den Druck aus Frankreich und das Reformtempo in Berlin als tragbar ansehen. Citi verortet das Risiko beim Euro, Charttechniker beim DAX unterhalb von 24.849 Punkten. Mein Blick richtet sich auf Freitag um 04:30 Uhr, wenn Nagel und Klingbeil gemeinsam vor die Presse treten.

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