Zwei Tanker, ein Nadelöhr: Hormuz schickt den Ölpreis über die 92-Dollar-Marke
Angriffe in Hormuz verteuern Öl, während höhere US-Renditen Gold, SAP und Nemetschek belasten; Venezuela und Russlands Kryptoregeln setzen Signale.

- Brent steigt über 92 Dollar
- Venezuela-Deal umfasst 17 Ölfelder
- Gold fällt auf Zweiwochentief
- SAP und Nemetschek geraten unter Druck
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
drei Raketensalven, ein abgeschossenes Kampfdrohnen und zwei beschossene Tanker binnen 24 Stunden – die Straße von Hormuz ist von der Waffenruhe zur Kampfzone zurückgekehrt, und der Ölpreis hat das sofort quittiert. Wer Rohstoff-Positionen oder Energiewerte im Depot hält, kommt an dieser Geschichte diese Woche nicht vorbei.
Hormuz kollabiert: Die Waffenruhe ist wieder Verhandlungsmasse
Am Montag trafen Projektile zwei Öltanker in der Meerenge: die „Sidr“ unter saudischer Flagge nahe Khasab in Oman, und die „Senegal Prosperity“ der Reederei Sinokor rund 17 Seemeilen weiter östlich – letztere von gleich drei Geschossen. Vorausgegangen war ein US-Schlag auf Raketenwerfer auf der iranischen Insel Larak. Die iranischen Revolutionsgarden antworteten mit ballistischen Raketen auf die Militärbasen King Hussein und Azraq in Jordanien sowie auf die Al-Minhad-Basis in den Vereinigten Arabischen Emiraten und schossen zusätzlich eine US-Drohne über der Meerenge ab. Die im Juni vereinbarte Waffenruhe samt Minenräumung ist damit faktisch Geschichte. Immerhin: Irans Präsident Pezeshkian signalisiert Rückkehrbereitschaft, sollten auch die USA das Abkommen wieder einhalten, und Katar drängt öffentlich auf Deeskalation. US-Finanzminister Bessent wiederum redete Hormuz demonstrativ klein und nannte die Meerenge in zwei Jahren ein „wertloses Gewässer“ – das ist kein Marktkommentar, sondern politisches Kalkül in eigener Sache. Fakt ist: Brent-Öl kletterte im Zuge der Angriffe über 92 Dollar je Fass. Die Risikoprämie ist real, und wer jetzt auf fallende Ölpreise setzt, wettet gegen eine Eskalationsspirale, die noch keine Bodenbildung zeigt.
Venezuela als Versicherung: Washingtons hundertjährige Öl-Wette
Während in Hormuz geschossen wird, baut Washington parallel an einem strukturellen Gegenmittel. Die USA haben mit North American Blue Energy Partners (NABEP) einen Deal über hundertjährige Rechte an 17 venezolanischen Ölfeldern mit Reserven von 65 Milliarden Barrel geschlossen. Das US-Verteidigungsministerium hält 35 Prozent an NABEP, das Außenministerium sichert sich ein Vorkaufsrecht auf 80 Prozent der Produktion. NABEP will 100 Milliarden Dollar in die Infrastruktur stecken und verspricht Venezuela rund 209 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen. Aktuell fördert das Unternehmen erst 200.000 Barrel täglich, das Ziel liegt bei über einer Million – ambitioniert, wenn man bedenkt, dass Venezuela derzeit insgesamt nur rund eine Million Barrel pro Tag produziert. Der Druck dahinter ist greifbar: Der US-Benzinpreis lag im August bei durchschnittlich 4,08 Dollar, 28 Prozent über Vorjahr. Für Anleger ist das ein klares Signal geopolitischer Diversifizierung – ein Prozess, der Jahre braucht, aber Öl- und Energiewerte mit Venezuela-Exposure mittelfristig interessant macht.
Gold fällt trotz Kriegsangst: Der Zins schlägt die Geopolitik
Bemerkenswert ist, was in diesem Umfeld nicht passiert: Gold steigt nicht, es fällt. Der Preis rutschte auf ein Zweiwochentief von rund 4.370 Dollar je Unze, ein Minus von etwa 1,9 Prozent, Silber gab noch deutlicher nach. Der Grund liegt nicht in schwindender Nachfrage nach Absicherung, sondern in der Zinsseite: Nach der viel beachteten Rede von Fed-Chef Warsh preist der Markt eine Zinserhöhung im September mit rund 65 bis 68 Prozent Wahrscheinlichkeit ein, die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte auf den höchsten Stand seit Januar 2025. Steigende Realrenditen schlagen offenbar sogar eine echte militärische Eskalation im Preisgefüge. Für Gold-Anleger heißt das: Der Zwölfmonatstrend bleibt intakt – Gold liegt noch rund 26 Prozent über Vorjahresniveau –, aber kurzfristig bestimmt der Zinspfad das Geschehen, nicht die Kriegsangst.
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SAP und Nemetschek unter Druck: Die KI-Bewertung wird zum Härtetest
Öl und Gold werden von Makrokräften bewegt, SAP und Nemetschek trifft es dagegen aus einem hausgemachten Grund: Zweifel an den KI-Wachstumsversprechen. SAP fiel im Handelsverlauf auf rund 184 Euro, nachdem die UBS ihre Vorsicht mit mangelndem Fortschritt bei KI-Agenten begründet hatte – bei einer Marktkapitalisierung von gut 220 Milliarden Euro ein Gewicht, das der gesamte DAX spürt. Nemetschek gab im Verlauf sogar rund 3,2 Prozent nach, trotz eines Kursplus von 15 Prozent auf Monatssicht, und auch der US-Vergleichswert Autodesk notierte schwächer. Der Mechanismus dahinter ist simpel und unbequem: Steigende Anleiherenditen verteuern die Zukunftsgewinne, auf denen ein Großteil der KI-Bewertungen fußt – je höher der Zins, desto teurer die Wette auf übermorgen. Nicht betroffen ist dagegen Siemens Energy: JPMorgan beruhigte die Anleger mit dem Hinweis, dass der Einstieg von SpaceX in Gasturbinen-Komponenten nur rund zehn Prozent der Konzernumsätze berühre – die Aktie hielt sich mit rund einem Prozent Minus deutlich stabiler. Wer deutsche Softwarewerte hält, sollte die Korrektur nicht als Einzelfall abtun, sondern als Test der KI-Bewertungen im Höherzins-Umfeld lesen.
Russlands Krypto-Gesetz: Ein Markt mit Deckel, aber Signalwirkung
Seit heute gilt in Russland das Föderale Gesetz Nr. 282-FZ: Lizenziertes Krypto-Trading ist erlaubt, Privatanleger dürfen aber nur bis zu 300.000 Rubel – umgerechnet rund 3.700 Dollar – pro Plattform und Jahr handeln. Gehandelt werden dürfen unter anderem Bitcoin, Ethereum und Tether. Die Sberbank rechnet im ersten Jahr mit einem regulierten Handelsvolumen von vier Billionen Rubel, rund 46 Milliarden Dollar, das bis 2029 auf etwa 87 Milliarden Dollar wachsen soll. Bitcoin selbst zeigt sich davon unbeeindruckt und bewegt sich seitwärts nahe 78.000 Dollar, Ethereum legte zuletzt moderat zu und profitiert von institutionellem Zufluss – Bitmine kaufte 51.000 ETH im Gegenwert von rund 126 Millionen Dollar. Für europäische Krypto-Anleger ist Russlands Regulierung kein unmittelbarer Kurstreiber, aber ein weiteres Beispiel dafür, dass große Volkswirtschaften auf kontrollierte Zugänge statt Verbote setzen – ein struktureller Rückenwind, der sich erst über Jahre in Bewertungen niederschlagen dürfte.
Der globale Kompass
Zwei Geschichten dominieren die Woche, und beide drehen sich um Absicherung, die nicht funktioniert wie erwartet. In Hormuz zeigt sich, dass eine Waffenruhe ohne belastbare Garantien binnen Stunden kollabieren kann – der Ölpreis über 92 Dollar ist die Quittung, und Washingtons Venezuela-Wette beweist, wie ernst man das Versorgungsrisiko in den USA nimmt. Bei Gold zeigt sich das Gegenteil: Selbst eine echte militärische Eskalation reicht nicht, um steigende Realrenditen zu überstimmen. Wer daraus eine Lektion für sein Depot ziehen will: Zinspfad und Notenbankrhetorik bestimmen derzeit mehr Preise als Kriegsnachrichten – das gilt für Gold genauso wie für die KI-Bewertungen von SAP und Nemetschek. Behalten Sie die Anleiherenditen im Blick, nicht nur die Schlagzeilen aus dem Nahen Osten.
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