Zwischen Politik und Projekten: Fünf Erneuerbare-Aktien im Spannungsfeld

Siemens Energy, Vulcan, ABO Energy, Nordex und PNE zeigen, wie politische Themen, neue Projekte und Übernahmespekulationen die Kurse prägen.

Die Kernpunkte:
  • Siemens Energy mit politischem Gegenwind
  • Vulcan plant zweites Lithiumprojekt
  • ABO Energy prüft Wasserstoffanlage
  • PNE-Aktie reagiert auf Verkaufspläne

Ein Konzernchef warnt vor der AfD, ein Lithium-Entwickler plant sein zweites deutsches Werk, und bei einem Windparkentwickler zittern Anleger wegen möglicher Schnäppchenpreise. Der Sektor der Erneuerbaren Energien liefert diese Woche gleich mehrere Geschichten, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Ein roter Faden fehlt— dafür umso mehr Stoff für einen genauen Blick auf die einzelnen Namen.

Siemens Energy: Politisches Statement trifft auf Aktienrückkauf

Siemens-Energy-Chef Christian Bruch positionierte sich vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ungewöhnlich deutlich. Er warnte vor der Wirtschaftspolitik der AfD und bezeichnete deren Rückkehr-Forderungen zu Kohle und Kernkraft als Gefahr für den Standort Deutschland. Deutsche Arbeitsplätze hingen vom Export und von internationalen Fachkräften ab, so Bruch— beides brauche verlässliche politische Rahmenbedingungen.

Die Aktie selbst zeigte sich davon unbeeindruckt und tendierte zuletzt seitwärts. Am Freitag schloss das Papier bei 147,08 Euro, ein Plus von 0,9 Prozent auf Tagesbasis. Auf Wochensicht steht ein Minus von 1,3 Prozent zu Buche, der Kurs liegt damit rund 3,8 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt.

Der Blick auf zwölf Monate relativiert die jüngste Schwäche allerdings deutlich: Mit einem Plus von 65 Prozent gehört Siemens Energy weiterhin zu den stärksten DAX-Werten des Jahres, auch wenn der Abstand zum 52-Wochen-Hoch bei 195,38 Euro noch 25 Prozent beträgt. Parallel treibt der Konzern seinen Konzernumbau voran: Ende August wurde die geplante Abspaltung der Sparte Transformation of Industry angekündigt, während gleichzeitig eine zweite Tranche des Aktienrückkaufprogramms läuft. Politisches Schlagzeilenrisiko und operative Restrukturierung laufen hier parallel— ein Muster, das Anleger im Blick behalten sollten.

Vulcan Energy: Zweites Lithiumprojekt nimmt Form an

Vulcan Energy erweiterte seine Wachstumsstory über das Flaggschiffprojekt Lionheart hinaus. Eine Vorstudie für das zweite Lithiumprojekt im Oberrheingraben, rund 60 Kilometer nördlich von Lionheart gelegen, sieht eine jährliche Produktion von gut 21.000 Tonnen batteriereinen Lithiumcarbonats über 30 Jahre Laufzeit vor. Das geschätzte Entwicklungskapital liegt im deutlich zweistelligen Millionenbereich pro Jahresproduktion, insgesamt im niedrigen einstelligen Milliardenbereich.

Beim Zeitplan bleibt das Unternehmen bewusst zurückhaltend: Eine finale Investitionsentscheidung für das neue Projekt soll erst nach Baubeginn und kommerziellem Start von Lionheart fallen. Beim Flaggschiffprojekt ist Vulcan bereits deutlich weiter— dort stehen milliardenschwere Finanzierungszusagen sowie Baugenehmigungen für Anlagen in Landau und Frankfurt-Höchst, dazu Abnahmeverträge mit Größen wie LG Energy Solution, Umicore, Stellantis und Glencore.

An der Börse hat das bislang wenig gebracht. Die Aktie notiert bei 1,66 Euro, seit Jahresbeginn ein Minus von 35 Prozent, nur zehn Prozent über dem 52-Wochen-Tief. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt beträgt satte 24 Prozent. Die Suche nach einem strategischen Partner, der Risiken mittragen soll, kommt damit zu einem Zeitpunkt, an dem Vulcan Vertrauen dringend gebrauchen könnte.

ABO Energy: Wasserstoff-Vorstoß trifft auf Portfolio-Bereinigung

Mit einer Kooperationsvereinbarung mit der Stadt Oulu treibt ABO Energy ein großangelegtes Wasserstoffprojekt in Nordfinnland voran. Auf über 41 Hektar soll in zwei bis drei Phasen eine Elektrolysekapazität von bis zu 600 Megawatt entstehen. Geprüft werden zudem synthetisches Methanol und nachhaltiger Flugkraftstoff als Folgeanwendungen— die Prozessabwärme soll ins lokale Fernwärmenetz fließen. Eine endgültige Investitionsentscheidung steht noch aus.

Der Vorstoß fällt in eine Phase der Verschlankung. Anfang August verkaufte ABO seine ungarischen und polnischen Tochtergesellschaften samt einer Projekt-Pipeline von zwei Gigawatt an PPC. Geschäftsführer Karsten Schlageter erklärte, dies reihe sich in frühere Verkäufe des griechischen Geschäfts und großer Teile des finnischen Windportfolios ein— mit dem Ziel, sich auf Märkte mit dauerhafter Profitabilität zu konzentrieren. Ein Wasserstoffprojekt in Hünfeld ging im selben Monat an die Tyczka Hydrogen GmbH.

Die Aktie hat davon bislang nicht profitiert. Bei 3,35 Euro liegt sie 4,4 Prozent unter dem Wochenstart und über 30 Tage rund 10 Prozent im Minus. Der RSI von 46,3 signalisiert weder Überkauft- noch Überverkauft-Zustand— die Aktie sucht sichtlich nach Orientierung zwischen strategischem Fokus und operativer Neuausrichtung.

Nordex: Insiderkäufe nach Kursrückschlag

Nach starkem Lauf im Frühsommer geriet die Nordex-Aktie zuletzt unter Druck und markierte Anfang September mit rund 36 Euro ein Sechs-Monats-Tief. Zum Wochenschluss notierte das Papier bei 36,86 Euro, nahezu unverändert zum Vortag, aber mit einem Wochenminus von 4,5 Prozent. Der Abstand zum 50-Tage-Durchschnitt beträgt 8,2 Prozent.

Vorstandsmitglied Ilya Hartmann reagierte darauf mit einem Kauf von Nordex-Aktien im Wert von knapp 115.000 Euro zu 40,98 Euro je Aktie— ein klares Vertrauenssignal aus dem Management, auch wenn der Kurs seither weiter nachgegeben hat. Operativ liefert das Unternehmen unterdessen: Ein Auftrag über zwölf Windturbinen mit rund 82 Megawatt Gesamtleistung aus den Landkreisen Vechta und Osnabrück kam von der EFG Energy Farming Gruppe, jeweils mit 20-jährigen Serviceverträgen ausgestattet.

Die Analystenmeinungen bleiben gespalten. Barclays erhöhte das Kursziel zuletzt auf 35 Euro bei neutralem Rating, RBC senkte es auf 36 Euro bei einer Underperform-Einstufung, während Goldman Sachs trotz gesenktem Kursziel von 52,60 Euro an seiner Kaufempfehlung festhält. Diese Spannbreite zeigt: Die Meinungen zur fairen Bewertung gehen selten so weit auseinander wie derzeit bei Nordex.

PNE: Übernahmespekulationen treiben die Kursschwankungen

Am unruhigsten geht es bei PNE zu. Berichten zufolge laufen Gespräche über einen Komplettverkauf des Unternehmens, und PNE bestätigte, dass die Investorensuche den Erwerb von bis zu 100 Prozent der Anteile einschließen könnte. Die Geschichte reicht zurück bis Anfang 2023, als die Morgan-Stanley-Tochter Photon Management ihren rund 48-prozentigen Anteil überraschend nicht verkaufte— der Aktienkurs hat sich seither mehr als halbiert.

Zuletzt kam neue Unruhe hinzu: Nach Einräumung des Unternehmens, dass potenzielle Käufer weniger als den Börsenkurs bieten könnten, brach die Aktie um rund 19 Prozent auf 8,00 Euro ein. Aktuell notiert sie bei 7,43 Euro, mit einem Tagesplus von 3,9 Prozent, aber einem Monatsminus von 27 Prozent. Der RSI von 34,1 deutet auf eine überverkaufte Situation hin.

Sollte tatsächlich ein Käufer gefunden werden, kursieren unter Insidern Bewertungsvorstellungen von über einer Milliarde Euro. Bestehende Analystenkursziele stammen jedoch noch aus der Zeit vor der jüngsten Ad-hoc-Mitteilung und spiegeln das abgeschwächte Übernahmeszenario damit nicht wider.

Sektordynamik im Überblick

Die fünf Aktien zeigen ein wiederkehrendes Muster: Wer operative Fortschritte liefert, wird an der Börse nicht zwangsläufig belohnt.

  • Projektgetrieben, aber unter Kursdruck: Vulcan (Ludwig-Projekt), ABO Energy (Finnland-Wasserstoff) und Nordex (Auftragseingang) liefern operative Meilensteine, während die Kurse hinterherhinken
  • Strukturgetrieben statt fundamentalgetrieben: Siemens Energy und PNE bewegen sich stärker über Eigentümer- und Konzernstrukturfragen als über das operative Geschäft
  • Managementüberzeugung als Signal: Nordex‘ Insiderkäufe nach dem Kursrückgang spiegeln ein Muster bei Small- und Mid-Caps der Branche wider
  • Schlagzeilenrisiko losgelöst von Fundamentaldaten: Bruchs politische Positionierung bei Siemens Energy zeigt, wie außerbörsliche Themen kurzfristig Aufmerksamkeit binden können

Was Anleger in den kommenden Wochen beobachten sollten

Bei PNE dürfte der Herbst erste konkretere Signale zur Investorensuche liefern— vorher bleibt die Aktie ein Spielball von Gerüchten. Vulcan Energy braucht weitere Erkundungsbohrungen und eine finale Machbarkeitsstudie für das Ludwig-Projekt, kurzfristige Kurstreiber dürften eher vom Baufortschritt bei Lionheart kommen, wo die kommerzielle Produktion 2028 starten soll.

ABO Energys Finnland-Anlage steht vor weiteren technischen und kommerziellen Prüfungen, bevor überhaupt investiert wird. Nordex-Anleger richten den Blick auf eine mögliche Stabilisierung oberhalb technischer Unterstützungsmarken— der nächste Quartalsbericht im November dürfte hier Klarheit bringen. Siemens Energy schließlich balanciert weiterhin zwischen Rückkaufprogramm, Sparten-Abspaltung und einem politisch aufgeladenen Umfeld, das der eigene Vorstandschef öffentlich als Risikofaktor benannt hat.

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