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Wirecard: Rücktrittsforderungen – wie lange kann sich Braun noch halten?

Die kommende Woche dürfte für Aktionäre und Beobachter des Zahlungsdienstleisters Wirecard eine besondere Brisanz erhalten. Denn am kommenden Dienstag will das Unternehmen sein Ergebnis zum ersten Quartal präsentieren. Vorstandschef Markus Braun hatte diesbezüglich schon Ende April erklärt, dass man hier im Rahmen der Erwartungen bleiben würde. Aber:

Die konkreten Zahlen an sich dürften relativ schnell nur noch eine Nebenrolle spielen. Denn natürlich treiben den Markt derzeit ganz andere Fragen um. Dies, nachdem die angestrebte Entlastung Wirecards von Manipulationsvorwürfen durch die Wirtschaftsprüfer von KPMG letztlich nur ein Freispruch zweiter Klasse wurde, weil viele Fragen offen blieben. Wenn sich Markus Braun den Fragen der Analysten stellt, dürfte diese Thematik wohl kaum ausgeklammert werden können. Zumal:

Fonds fordern Brauns Rücktritt

In den letzten Tagen mehrten sich die Forderungen nach einem Rücktritt des Vorstandschefs. Zuerst war es der aktivistische Hedgefonds TCI. Dessen Vorpreschen kann man gut nachvollziehen und durchaus als äußerst eigennützig bezeichnen. Zumal TCI massiv auf fallende Kurse bei Wirecard spekuliert. Dass sich inzwischen allerdings die beiden deutschen Fonds-Gesellschaften Deka und Union Investment hier bei den Rücktrittsforderungen mit einreihen, sollte für Braun und das Unternehmen ein weitaus höheres Risiko darstellen.

Zwar haben beide Fonds nach derzeitigem Stand zusammen nur eine Beteiligung von 4,29 %. Wobei Union Investment gerade auch sein Engagement deutlich reduziert hat. Aber Wirecard hat gleichzeitig einen sehr hohen Free Float von fast 90 % und wenn hier die Profi-Investoren Stimmung machen, könnten ihnen unter Umständen auch viele kleinere Anleger folgen.

Wirecard ohne seinen Visionär?

Die große Frage: Wäre Wirecard mit oder ohne Markus Braun besser dran? Tatsache ist, dass er nicht nur mit 7,05 % größter Einzelaktionär ist, sondern letztlich Wirecard zu dem gemacht hat, was es heute ist – ein DAX-Konzern mit Milliardenumsätzen und einem globalen Geschäft. Es ist aber immer wieder zu beobachten, dass anfängliche Visionäre mit ihrem eigenen Erfolg irgendwann an die Grenzen stoßen und ab einer bestimmten Phase eher zum Problem werden könnten. Erinnert sei nur an die Rolle von Elon Musk, der bei Tesla schon für die eine oder andere unnötige Turbulenz gesorgt hat.

Allerdings mit dem Unterschied, dass bei allen kritischen Wachstumsperspektiven in den vergangenen Jahren bei Tesla nie infrage stand, dass das Unternehmen tatsächlich Autos baut und verkauft. Das ist genau derzeit das Problem bei Wirecard. Denn KPMG hatte bekanntlich in ihrem Prüfbericht ausgesagt, dass man insbesondere das sogenannte Drittpartner-Geschäft auf seine Umsätze hin nicht beurteilen könne, ob diese tatsächlich existieren oder nicht.

Was wird mit dem ominösen Drittpartnergeschäft?

Dabei machen diese nach wie vor einen signifikanten Anteil am gesamten Transaktionsvolumen aus. Dieser betrug im letzten Jahr noch mehr als die Hälfte. Hierbei geht es darum, dass Wirecard über sogenannte Drittpartner Transaktionen abwickelt, wenn es in den entsprechenden Märkten keine eigene Lizenz hat. Als Folge der Kritik von KPMG hat der Zahlungsdienstleister zwar schon angekündigt, dass man sich um mehr eigene Lizenzen bemühen wolle. Doch das benötigt Zeit. Außerdem ist sich der Markt natürlich in seinem Misstrauen nicht sicher, ob das hier nur wieder eine Verzögerungstaktik ist. Tatsache ist:

Wirecard kann sich aus dem Drittpartnergeschäft eigentlich nicht so ohne weiteres zurückziehen, weil sonst zumindest kurzfristig die bisherige Wachstumsstory vorbei wäre. Und damit natürlich auch die grundsätzliche Bewertung an der Börse, auch wenn diese zuletzt ja bekanntlich schon extrem gelitten hatte.

Markus Braun auf Bewährung – wieder einmal?

Zurück zur Ausgangsfrage: Was man bislang Markus Braun sicherlich vorwerfen kann, ist seine Verantwortlichkeit für die eines DAX-Konzerns in keiner Art und Weise passende Kommunikationsstrategie. Hier muss schnellstens nachgebessert werden. Spekulationen, dass Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann Braun ablösen lassen wolle, würden wir derzeit für wenig überzeugend halten. Aber natürlich ist Eichelmann dafür verantwortlich, insgesamt die gesamte Corporate Governance in die richtige Spur zu bringen, auch durchaus gegen Markus Braun.

Fazit: Wir glauben nicht, dass die derzeitigen Rücktrittsforderungen gegen Braun am Ende zum Ziel führen. Aber aus unserer Sicht steht Markus Braun derzeit sichtbar unter Bewährung. Das gilt insbesondere bis zur Vorlage des Jahresberichtes 2019, die bekanntlich zuletzt verschoben wurde. Das jetzt hier wegen der Verschiebung eine Geldstrafe durch die Frankfurter Wertpapierbörse droht, halten wir dabei für eher vernachlässigbar – zumindest für den Aktienkurs. Dennoch ist uns das alles weiterhin viel zu suspekt, als hier schon wieder Schnäppchenkurse zu sehen.